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JAMMERSLAM

JAMMERSLAM


Kunst von sc.Happy
inseriert: 22.05.19
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MEIN ALLERERSTER UND ECHTMAL AUCH EINZIGER BESUCH EINER SLAM-VERANSTALRTUNG Alllein die Moderation, also der Umstand, dass es zwei sind auf der Bühne, die sich die Bälle zuwerfen. Hier war das alles äußerst mau und flach. Die beiden Moderatoren (ich sagte für mich Maroden) warfen sich eher mit Wasser gefüllte Sprechblasen zu, ihren Gag wuchsen Anführungsstriche. Jedes Mal wenn sie sich aus der linken Hälfte von dem wirklich schön roten alten Sofa erhoben, drückten meine Hände meine Ohren zu. Ich gebe gern zu aus dem Alter für Slam heraus zu sein, und interessiere mich nicht für Slam. Dementsprechend nahm ich das Publikum um mich herum eher als eine Jugendherberge wahr. Auch wenn unter den Zuschauern immer einmal wieder ein ergrauter Kopf zu entdecken war, rechnete ich den einem Elternteil zu oder Frühgealterten. Mannomann lautete das Thema des Abends, die Beiträge waren Nunja bis Nundenne. Slamer Nr. 1 nahm sich des Themas dergestalt an, dass er über die Macken seiner Frau übliche bis üble Klischees auflistete wie, sein Weibchen trägt zur Nachtruhe so viel Kosmetik am Leid, dass sie für ihr Schlafhemd Schneeketten bräuchte. Es gab dennoch reichlich viele Lacher, die meisten von ihnen auffällig aus einer einzigen großen Ecke. Sie waren quietschend hoher weiblicher Tönung und schwappten von jenem Fanpool aus als lästige Spritzer der Begeisterung in den Saal. Mir gefiel, als ich mich peinlich danach befragte, die Österreicherin. Sie brachte Poesie pur auf die Bühne, und das mit deutlicher Ansage an die Zuhörerschaft, keine weiteren Lacher bitte! Dafür wäre ich bereit gewesen als Note eine zehn zu zücken, die Jury allerdings zeigte tieferliegend Bewertungen an. Acht Juroren an der Zahl haben sich unter die Leute gemischt. Zweimal mussten sie alle fünf Teilnehmer benoten, zwischendrin war Pause, die ich wirklich auch brauchte. Wie gesagt, normalerweise bin ich vor der Pause weg, wenn mir etwas missfällt. Hier war ich mutig genug, mich kopfschüttelnd noch einmal in die Arena zu bewegen, irgendwie fand ich Gefallen an meinem inneren Stöhnen, wie ich das alles auszuhalten bereit schien. An unsere früheren Zeiten musste ich ständig denken, als wir was herauslassen mussten und die Öffentlichkeit dafür missbrauchten, ihnen unsere lyrische Aktionen zumuteten. Wir überraschten, überfielen unser Publikum unangekündigt an völlig ungeeigneten Plätzen wie Krankenhaus, Schrebergarten, Schichtwechsel mit unseren spontanen Wort-Musik-Aktionen. Nur nannte das niemand von uns damals Slam. Und ich sage euch, zu meiner Zeit habe alle guten Dichter und Lyrikerinnen sich dermaßen wild ausgedrückt und in oftmals grober Form versucht. Da war alles von versonnen bis bitterbös-knallhart zu finden. Wir waren nicht harmlos, wir ritten radikale Attacken. Es ging uns dabei nicht um ein Siegertreppchen und Schmusedecke als Preiszugabe, wir wollten die Gesellschaft wachrütteln, die Zustände ändern. Von da aus kann ich über die Vorträge hier nur müde lächeln. Was wir damals abrissen und aufführten war tausendmal besser als womit sich im Spamsaal die sorglosen Leute berieseln ließen. Im medizinischen Sinne gesprochen fühlte ich mich durchweg ruhiggestellt, auch wenn man mir statt harter Kost und lyrische Vollpower nur Placebo anbot.

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