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Politisches Gedicht, nach Rolf Dieter Brinkmann …


Kunst von Kai Pohl
inseriert: 02.02.24
Hits: 99


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Politisches Gedicht 19. Okt. 23, BRD

Kurz vor halb 1 nachts,
    Anfang Herbst, Regen,
        schwere Windwarnung.

Unruhe in den Straßen,
Unruhe in den verschiedenen Städten,
Schreckbilder,
Hunger & Kälte,
Körper, von Explosionen zerrissen,
Schreie aus den Ruinen.

Heute mache ich einen Ausflug,
ohne Stahlhelm & Werte-Weste,
an die Grenze der Strafbarkeit,
mit einem Abstecher auf die Trümmerfelder
von BelgradBengasiFalludschaSlowjansk.

Bevor ich ersticke am gebremsten Leben,
reagiere ich endlich auf das, was gesagt ist:
vorauseilendes Denunziantentum, Empathie
als illegale Handlung, Deeskalationsverbot,
Meinungsdiktatur, Arroganz statt Kompetenz …

Heute lass ich es sein, mich zu fragen,
ob jeder Rechtsstaat rechts sein muss.
Heut stopfe ich, auf Günthers Wunsch,
mit meinem Pali-Tuch (frisch geschüttelt)
die Erinnerungslücken des Bummelkraxlers.

Heute hör ich den Banker sülzen,
beim Luntesalzen mit der Zunge schnalzen,
seh ihn katzbuckelnd im Bunker hudeln,
den Kranz besudeln auf dem Seitensprung
zur angeschickerten Trümmerlotte.

Inmitten staatl. inszenierter Energiekrisen
mästen sich stattliche Energieriesen
mit Kohle, geschröpft aus Ölen & Blasen
und handlichen Splittern von Splattern,
made in GrosnyKobanêKundusGaza.

Der letzte oder der erste Mensch,
mache ich einen Ausflug, endlich,
hinter die Grenze der Strafbarkeit,
reagiere auf das, was gesagt ist:
We are born free and equal in rights.

Hier & heute erhebe ich mich
aus den zu Asche verbrannten
Wörtern, der Sprache des Staats,
aus dem Staub meiner zerbombten
Wohnstatt, schüttle mich & rufe im Chor:

Rage is still a source of energy!


Anmerkungen

Fünf Monate vor seinem Unfalltod in London notierte Rolf Dieter Brinkmann sein Politisches Gedicht 13. Nov. 74, BRD (publiziert in seinem Gedichtband Westwärts 1&2, Rowohlt, Hamburg 1975, S. 160 ff.), das eine der Inspirationsquellen für dieses Politische Gedicht war. Zitate aus dem Brinkmann-Poem sind die „Unruhe … Schreckbilder“, sein Schluß „auf das, was gesagt ist“, die „staatl. inszenierte[n] Energiekrisen“ sowie die „Wörter“ und die „Sprache des Staats“.

Das gebremste Leben in Strophe 4 ist der Titel eines Gedichts von Volker Braun (in seinem Gedichtband Langsamer knirschender Morgen/, Mitteldeutscher Verlag, Halle/Leipzig 1987, S. 42 f.); „der letzte/ Oder der erste Mensch“ sind die Schlußworte des Gedichts Nun bin ich froh (ebd., S. 30).

Bei „Günthers Wunsch“ in der 5. Strophe handelt es sich um die Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch, die aufgrund des Nahostkonfliktes am 13. Oktober 2023 Berlins Schulleitungen empfahl, das Tragen von Pali-Tüchern (Kufiyas) zu untersagen – „auch wenn dies noch nicht die Grenze der Strafbarkeit erreicht“, um den „Schulfrieden“ zu sichern. Für die „Erinnerungslücken des Bummelkraxlers“ sei an dieser Stelle eine Schweigeminute eingelegt!

Die „angeschickerte Trümmerlotte“ in Strophe 6 ist eine literarische Figur aus der Erzählung Dr. M. von Scheiffele (vorgetragen zum Literaturfestival „Rummelsburg 2“ in der Kulturspelunke Rumbalotte continua am 16. Mai 2014, veröffentlicht in Scheiffeles erstem Siebdruckband Schwabenkönig, EdK/Rothahndruck, Berlin 2015, S. 56 ff.).

Die 5. Zeile der 8. Strophe ist der leicht gekürzte erste Satz des Artikels 1 aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen (1948).

Die letzte Gedichtzeile ist ein Zitat aus dem Beitrag Rage is a sonic wave von Bino Byansi Byakuleka (in: Arts of the working class, Issue 27: Kinships, Berlin 2023, S. 62).

Kommentare: 1

♦ 07.02.24   01:37:21
lechts und rinks

Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen. KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN. (…) Wann sag ich wieder mein und meine alle.