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Zownir, Miron, Fotograf, s/w. Schnell genug am Auslöser

Zownir, Miron, Fotograf, s/w. Schnell genug am Auslöser
sein


Kunst von sc.Happy
inseriert: 21.09.09
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Miron Zownir

Klaus äussert stets Bedenken, wenn ich ihn mit einem Künstler bekanntmachen will. Er fragt dann provokant, was das für einer/eine ist, die/der so macht? Ich rede was zur jeweiligen Person zu sagen ist mit etwas mehr Inbrunst als nötig, um den Skeptischen bei Laune zu halten. Der vollführt immer erst abwehrende Geste und meint, er könne sich schon denken und sagt dann schliesslich: Okay, komme ich halt irgendwie hinzu.

Wir treffen uns eine halbe Stunde vor dem Treffen mit der Person, halten in der Nähe des Treffortes Platz. Im letzten Fall sitzen wir gegenüber dem Prater im Prenzlauer Berg, trinken polnisches Bier aus Flaschen, halten nach Miron Zownir Ausschau. Fotograf. Heftige, drastische, schwarzweisse Zeitdokumente in New York, Petersburg und Berlin aufgenommen. Dreissig Jahre aktiver Aussenseiter. Ein abgelichtetes Vierteljahrhundert dokumentiert. Leute in sozialen Situationen abgelichtet. Menschen, die erledigt, verunsichert und allzeit auf der Flucht vor der Macht, den Polizisten und Fahndern sind. Zownirs Antlitz kenne ich bis dato nur vom Foto seiner Homepage. Er trägt, aus welchem Grund immer, Sonnenbrille. Das macht es leichter, ihn aus dem herbstlichen Menschenauflauf herauszufiltern. Vielleicht leidet der Mann an Augenempfindlichkeit, meint Klaus, hat sich verblitzt. Sein Ehrgeiz ist angestachelt. Er will vor mir herausbekommen, wer von den Leuten auf dem Bürgersteig jener Zownir sein könnte. Wir sehen beide zugleich Zownirs Glatzkopf in der Sonne blinken. Die Sonnenbrille lässt ihn wie einen Ausserirdischen erscheinen. Der Alien kommt auf einem gewöhnlichen Fahrrad angeradelt. Klaus aber lässt sich so nicht hinters Licht führen. Der da, das ist unser Mann, sagt er. Schon eilen wir.

Um den Altweibersommer herum in einem Biergarten sitzen ist ein Unterfangen. Es halten sich dort nur vereinzelte Menschen auf. Das Personal an den Lucken für Essen oder Trinken ist ausgesucht freundlich, fast familiär wird jedermann nach seinem Begehr befragt. Die Äste der üppig ausladenden Bäume schirmen die unter ihnen sitzenden Gäste vor möglichen, letzten Sonnenstrahlen sicher ab. Und Zownir legt sofort zu erzählen los. Dass bei ihm alles Motiv ist. Dass die Linse den Fotografen lenkt, der Mann mit der Kamera ab einem bestimmten Punkt mitgefangen ist, keine Wahl hat, sich hinaus und hinein begeben muss, was wagen, über Grenzen schreiten, sollen die irren Seitentüren des Lebens öffnen. Ihm passieren all die die komischen Zufälligkeiten, die es für andere nicht gibt. Die erste Kamera habe er sich ausgeliehen, mit ihr sofort seine Orte, Plätze, Höhlen, Höllen, Hütten in den grossen Städten gefunden. Zownir spricht vom Abstand als Grundgefühl. Wenn er meint, so etwas wie menschliche Nähe hergestellt zu haben, darf er sich nichts darauf einbilden. Alles ist wahr genug, um zu täuschen. Er knipst Leute, die dem Exhibitionismus huldigen. Armselige Kreaturen, die nichts weiter als sich und ihren Körper anzubieten haben, sich schutzlos ausstellen, das Wenige zu präsentieren. Dieser Hang zur unaufgeforderten Selbstinszenierung, der bis zum Entblössen und Darbieten der Genitalien führt. Da muss einer vor dem Schock am Auslöser sein, sonst bleiben die Bilder nur im Hirn und finden nicht zum Betrachter. Jedes Bild von ihm habe seine persönliche Geschichte. Er könne zu jedem einzelnem Foto ein dickes Buch verfassen.

Klaus blättert im neusten Erzählband Zownirs herum, schaut interessiert die Bilder an, fragt Zownir, wie der Fotograf die Kamera auf das nackte Leid, den Tod auf der Strasse richten kann, wie die Fotos in den Sexklubs entstehen, ob das alles erlaubt sei. Und Zownir antwortet. Dass das alles schwierig ist, er Prügel eingesteckt hat, in den Knast gesteckt worden ist. Und doch wird er weiter grenzwertige Bilder schiessen, das Elend der Welt zur Schau bringen, weil niemand ein Recht hat, daran vorbeizuschauen. Seine Grossväter haben Kriege erlebt und können über die Schrecken nie erzählen, weil die Bilder im Kopf unerzählbar bleiben. Und ist der Krieg vorbei, setzen die Völker krampfhaft auf Zukunft und lassen die Verdrängung hilfreich werden.

Zum Ende hin ist Klaus von Zownir und dessen Haltung derart beeindruckt, dass er Zownir umarmt. Wir gehen auseinander und werden uns vielleicht nur noch über Zownirs Bilder sehen.

Mehr als zuviel ist immerhin jederzeit zu erhoffen.

notiert am 19. September 2009