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zu matthias BAADER holst. EINE

zu matthias BAADER holst. EINE ER-INNERUNG


Kunst von sc.Happy
inseriert: 28.09.09
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WIE ICH EINMAL MIT MEINEM FREUND BAADER
ZUM BAHNHOF KAM UND NICHT VON IHM FORT
UND DOCH IN FAHRT GERIET

Warte:Halle:Regen:Tropf
Wo der gewöhnliche Mensch sieben Sinne sein nennt, besitzt Baader ein Duzend. Täglich neue Sinne entstehen ihm. Sinn und Unsinne. Ich erinnere Halles Bahnhofshalle, die Riesenkuppel. Ich weiss die ausgeschlagenen Kacheln in der Bahnhofskneipe. Wie fehlende Zähne eines Gebisses. Ich weiss mich neben Baader wieder. Wir wollen verreisen. Einen neuen Ort erobern. Der Zug verspätet sich. Menschen sitzen und warten. Manche schlafen. Ich weiss den steten Wassertropfen, der von der Decke fällt. Tropfen auf Tropfen durch das monotone Aufklatschen präsent für den, der Regentropfen hören kann.

Baader hört, sieht, fühlt die Tropfen in seiner Nähe. Er spürt sie alle fallen. Gross wie Wasserblasen sieht Baader sie an Bahnhallendecke entstehen und wuchtig zum Bahnhallenboden fallen. Wie in Zeitlupe erlebt er sie. Was patscht macht ist für ihn ein langsamer Aufprall, donnerndes Dröhnen, von keinem sonst so wahrhaftig wahrgenommen.

Klar ist Baader angelockt, elektrisiert vom Ruch der Tropfen. Klar nimmt er Wassertropfenwitterung auf, aktiviert übernatürlicher Sinne, auch wenn wir wissen, dass es die Übersinnlichkeit rein wissenschaftlich nicht gibt, von denen phantasiebegabte Menschen heimgesucht werden. Denn schlimm ist nur, von so gar keinen übersinnlichen Sinnen ergriffen zu sein.

Klar muss Baader sich erheben, erleben. Geradezu wie mondsüchtig geht er auf die fallenden Wassertropfen zu. Auf fallende Engel möchte ich sagen. Und die Show beginnt. Damen und Herren. Liebe Wartenden. Ich umkreise für Sie die Wassertropfen. Wir befinden uns unter einer Kuppel. Die Kuppel ist leck. Ich lokalisiere für uns alle die Tropfenquelle. Mein Blick fällt mit jeden neuerlichen Tropfen von der Kuppeldecke zu Boden. Ich falle. Ich klatsche für Sie auf wie der Tropfen klatscht.

Kommen Sie näher. Spüren sie meinen Fall. Erleben sie meinen Aufprall hautnah mit. Ich bin, wenn ich nun mehrfach zu Boden falle, für den Moment kein menschliches Wesen, sondern selbst die Anzahl beliebiger Wassertropfen. Ich falle wie Wasser tropft. Ich fühle wie Wasser denkt. Ängstigt euch mit mir.

Ich sehe Baader auf Augenhöhe mit den fallenden Tropfen. Die Augen weit aufgerissen. Das Blicken ein grosses Glubschen. Der Fisch mit grossen Augen. Die Bahnhofsvorhalle ein Bassin. Die Tropfen können auch aus einer Fischblase stammen, aufsteigen, in dem sie fallen, der Luftblase entweichen. Die Verhältnisse wandeln sich. Niemand bleibt abseits, keiner ist mehr skeptisch. Man erwacht aus dem Dusel der Warterei. Es passiert etwas. Die Leute sind interessiert, befragen sich zum Geschehen:

Was hat dieser seltsame Kerl da nur?
Was hat sein Gemüt nur so erregt?
Was ist da um den Mann herum?
Was benimmt ihn so seltsam?

Schnabel:Kamm:Kick.Hals
Wie ein konzentrierter Hahn kickt Baader den Kopf. Runter und hoch. Aufnieder. Pickt mit keinem Schnabel, den man an Baader zu sehen meint. Ist ein Perlhahn mit Hahnkamm. Wirkt grau im bunten Gefieder. Und plötzlich fallen nicht Tropfen, sondern es hageln Getreidekörner von der Decke. Gerste. Roggen. Hafer. Weizen.

Grundnahrungsmittel rieseln zu Boden. Man denkt an Hunger und ist nicht mehr in der Bahnhofshalle, sondern in Afrika. Mitten in einer Wüste. Körner prasseln nieder ohne zu zerbersten. Die Leute sind nicht mehr müde. Der Zug spielt keine Rolle. Die Wartenden merken auf, lassen sich packen, geben ihren Abstand auf, nähern sich dem seltsamen Gebaren Baaders, beugen sich an ihn heran, um wie er zu sehen, mit ihm zu zucken und grossäugige zu gucken.

Das müde Paar, wie man sie auf allen Bahnhöfen rucksackbeladen und übermüdet pennen sieht, erwacht und schwebt engumschlungen heran, bildet einen Ring. All die Leute finden zusammen und werden jeder für sich Ring, Teile einer Kette, die sich um Baader auslegt. Wenn man so will: ein Zuschauerring.
In der Mitte wirbelt Baader als Hauptbestandteil der Kette, als ihr Juwel. Umfährt die Getreidekorntropfen ohne sie zu berühren. Fängt sie auf. Jonglier sie mit leichter Hand. Liest die zerplatzten Wassertropfen auf, schenkt ihnen ihre Urformen zurück, erweckt alle Wassertropfen neu. Zündet Wasser an, lässt Getreide im Wasser tauchen, schwimmen, toben, spielen; spielt mit brennenden Wassertropfen, wo es doch keine brennenden Regentropfen gibt. Die greifen auf den Zuschauerring über. Der Ring erwärmt sich. Der Ring wird Feuer, von Wort, Gebärde und sinnlicher Gestik entzündet.

Da zuckt Baader bereits am Boden, passt sich den Naturelementen an, geht zu Boden, geht in die horizontale Ebene über, wird selbst zum Fussboden, scheint zu verschwinden, scheint eins zu sein mit den Dingen, auf die man sonst herumtritt und herabschaut. Wissend: wer zu Boden geht, ist wieder das neugeborene Kind, das in den Mutterschoss zurück flüchten kann.

Ich deute Baader in solchen Momenten als Maulwurf, das Tier, das unterhalb zu wohnen versteht, von unterhalb der Erde die Erde über sich anheben kann und somit die feste Grasnabe durchbricht. Das Untere nach oben kehren. Haufen setzen zum Zeichen dafür, dass es ihn gibt, sein untergründiges Vorhandensein. So sehe ich Baader am Boden. Die Hände sind Schaufeln. Der Mund wird zum Maulwurfmund. Aus dem Gesicht ragt die grosse Maulwurfnase. Sein Körper ist behaart. Er trägt ein kuscheliges Fell, wenn er sich am Boden krümmt und um die Wassertropfen zuckt. Der Maulwurf existiert solange Baader ihn uns vorgaukelt. Er verschwindet, sobald sich Baader erhebt und von der Darstellung löst.

Wenn Baader am Boden liegend endlich anhebt, Text zu sprechen, ist er kein Maulwurf mehr. Der Dichtermensch Baader erhebt sich, wächst auf mit dem Erheben zum Wesen, das an Grösse gewinnt, um Baader, der Dichter zu werden. Aus dem Getreidekornhaufen wird wieder die wasserfeuchte Pfütze. Vom Kuppeldach tropft nur Wasser. Kleine stetige Tröpfchen. Der Hahn Baader hat genug mit dem Kopf gezuckt. Der Maulwurf Baader liegt nicht mehr als Fellhülle am Boden. Fern aller Illustration und Illusion wird Baader zu dem, was er war, ist und ewig bleibt: der Herumreisende, der Abwartende, die Zugmaschine.

Probe:Bühne:Bahn:Hof
Der Bahnhof ist eine gute Probebühne. Man wird, wenn man von Stehgreifpoeten spricht, dass er ein genialer Fabulant ist, ihm nicht gerecht. Denn Baader spricht mit Finger und Blick. Baader spricht einen Text, von ihm ersonnen, jedes Mal am Publikum zu erproben. Der Menschenkreis aus Neugierigen wird zum Literaturkreis geschmiedet. Unwissende werden eingeweiht. Wie in der Manege bewegt sich Baader vor Zirkusbesuchern als ihr Löwe, Tiger, Raubtier, Bahnhofspanther.

Baader geht um. Der Tropfen gibt den Takt vor. Baader schnippt mit den Fingern. Baader lässt die Tropfen spielerisch zwischen seinen Finger sausen, wie man mit Geschick Messer wirft, um sich Respekt zu verschaffen innerhalb der Gang. Baader spricht mit den Fingern. Wenn dann das erste Wort gesprochen ist, beginnt die unglaubliche Magie. Zeilenzauber. Wortzaudern. Zauber und Zunder. Baader spricht. Es sprechen Baaders Hände. Es reden Baaders Fingerspitzen. Ellenbogen spannen Bögen aus Silben, Worten, Sätzen. Das Gedicht verdichtet sich über die Köpfe des Publikums hinweg zu einem Wortregenbogen, aus dessen Mitte schillernde Worte wie Wasser tropfen, die Baader zwischen Fingerspitzen zerreibt wie Tabak zerbröselt.

Als wäre Wasser nicht Wasser. Als wären Worte nicht Worte. Ein Schipp mit den Fingerkuppen, schon wirbeln Tabakteile wo vorher Wassertropfen waren. Verpuffung. Verwunderung. Ein allgemeines Ah aus staunenden Mündern. Der Publikumsring um Baader ist ein Mondgesicht, ein weiblicher Mund. Man kann den Vortragenden für irre erklären. Was er mit einem angestellt hat, ist nicht nachzuvollziehen. Mag sein, er ist ein Spieler, Spinner, Trickbetrüger. Man hat recht damit und wiederum nicht.

Gedanken:Ausflug:Ziel
Baader tritt auf meint, Baader tritt in Erscheinung. Er spricht heisst, er lässt den Text los wie einen Hund, sucht ihn von seiner Person zu entbinden. Hält den Text an langer Leine. Er wirft mit dem Text gezielt um sich. Wirft keinen Bumerang. Wirft kein Netz. Will den Zuhörer packen. Wirft sich für ihn rücklings auf dem Boden. Kraucht dort schlangengleich über den Boden. Wie zwischen den Stühlen eingeklemmt, spricht er entspannt, angespannt, konzentriert, wimmernd, fertig, stöhnend, in sich lachend. Hält sich den Bauch, krallt die Finger in seinen Pullover. Man denkt, er stirbt. Jedes Mal wie das letzte Mal. Mit dem Text am Boden sich krümmend wird Baader zur empfindsamen Person, einem menschlichen Etwas, das sich selbst ist, nicht zu vergleichen mit anderen Wesen. Der Einzigartige mit allzumenschlichen Zügen.

Baader grinst über die Stirn hinweg ins Publikum. Er schweigt. Er erhebt sich. Er klatscht in die Hände, reinigt die Handinnenflächen. Reckt die Arme zum Buchstaben V wie Victoria, wie verhaftet mich. All das geschieht mit Bedacht, geschieht ununterbrochen, wie als würde der Text eben geboren, als wohnte man der Geburt des Textes bei. Der Vortrag, die immer wieder eingebildete Schwangerschaft. Der angestrebte Abbruch im Geburtsraum voller Gestik. Das Zucken und Würgen, Krümmen und Barmen am Boden ruft Unbeteiligte auf: Schaut her, seht nur, ich entbinde mich. Der Zuhörerraum ein Kreisssaal, aus dem heraus die Reisen beginnen. Lebensreisen. Nur: Baader liegt nicht ans Bett gebunden. Baader macht das Publikum zum Mutterhaus.

Baader nähert sich Stühlen, Stuhlbeinen, Lehnen. Er pilgert seinen Text sprechend. Die Augen quellen. Der Blick wird stechend. Imaginär wie von einem fernen Ziel angelockt, wölben sich die Pupillen über jede Norm, drohen zu platzen, zu implodieren. Einem Horizont entgegen, weit hinten allem liegend als nur dort die Wand vor Augen.

Die Zufluchtsmöglichkeit für einen Text liegt ausserhalb der Stuhlreihen, ausserhalb des Saales, wo keine Zuschauer und Zuhörer mehr anzusprechen und zu überwinden sind. Ich erinnere Baader sich über die Stühle zur Saaldecke erhebend. Er spricht seinen Text und ist versucht mit ihm auszubrechen. Wie als wollte er das Publikum mitnehmen, eine Massenflucht anstiften, Sinn stiften. Raus aus dem Raum, fort und hinein in den lyrischen Überraum.

Jetzt nur noch den richtigen Schalter finden, das Ticket lösen und der Bahnhofsvorplatz begibt sich gemeinsam auf Tour.

Dieser Text ist von Peter Wawerzinek erinnert
WIE KUNST WIRKLICH AUSGEFÜHRT WIRD