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IRLAND IST WIE SEX IM ALTER. //oder was nie einer wirklich wissen

IRLAND IST WIE SEX IM ALTER. //oder was nie einer wirklich
wissen sollte


Kunst von sc.Happy
inseriert: 19.10.09
Hits: 2047

artdisc.org Media Bild

ALTEMÄNNER
IRLANDSEX

Allen Freunden der Insel, ursächlich aber
Gerd, Klaus und Dieter gewidmet



1

Einmal war ich mit einer Irin in Irland unterwegs. Ehrlich gesagt, stammte meine liebe gute Irin aus Magdeburg und studierte in Cork ausgerechnet deutsche Literatur. Sie blieb oft stehen und hielt die Fäuste an ihre Wangen gepresst. Sie hüpfte auf der Stelle und entzückte sich:

Ohne dich hätte ich das nie gesehen.
Oder sie packte mich am Arm, riss mich mit sich und schrie:
Schau mal dort diese herrliche, knallrote Bank.

Dann mussten wir uns setzen und ich sie ganz fest in die Arme schliessen. Ich werde dir alles erläutern. Los frage mich was!, forderte sie immer wieder. Ich fragte was und sie sprudelte den mobilen Tanten, direkt aus den Vereinigten Staaten eingeflogen, die auf der Suche nach ihrer wahrhaftigen Herkunft sind.

Es ging von Ort zu Ort, von Guinness zu Guinness. Wir witzelten zum Wort Linksverkehr und sausten mit dem Mietwagen westwärts, südlich, langten im tiefen Osten an, eroberten das Höchstnördliche. Die Witterung blieb mild und durchwachsen. Wir sassen zur Nacht im übervollen Pub bei Musik und Tanz, summten gälische Gesänge, assen Käse, Meeresfrüchte, Karrotten. Wir jubelten bei einem Hunderennen, und in Dingle, teilten wir uns ein Stück Apfelkuchen. Am Tage unternahmen wir eine Menge, taten aber nichts wirklich übereilt.

In einem kleinen Hafen am Ende eines Kai nahm sie meinen Kopf wie einen Kürbis in ihre Hände. Sie sagte:
Ich mag deine Bücher sehr, weil in ihnen nie über Sex geredet wird.

Ich sagte nix und dachte nur in einem diktatfertigem Zug: Wie dachtest du am nächsten Tag? Warum halten wir es bereits über ein Jahr aus?

Ich weiss, dass ich mich an eine Geschichte erinnert habe. Da war ich ein kleiner Junge, vielleicht neun Jahre jung. Da bin ich von einem Mädchen nur kurz, und sicherlich ganz und gar unabsichtlich, am kleinen Finger meiner rechten Hand geratscht worden, dass ein wenig Blut floss. Dieser Junge, Viola, steht Daheim voller Liebeskummer am Fenster mit Blick zum Hof raus, wo er den Hahn beobachtet, wie er den Hennen hinterher rennt, und reisst den Schorf von der Wunde, ritzt später mit der Rasierklinge die langsam verheilende Schramme, dass er sie vorweisen kann, in einem Jahr, wenn die befreundeten Familien, wie ausgemacht Familien, sich wieder besuchen, er das Mädchen folglich wieder trifft. Ich rechnete mir damals Chancen aus. Ich könnte den Liebesschorf vorzeigen. Ich träumte vom ersten Kuss, dafür, dass ich sie an etwas erinnert, wovon sie nichts wissen konnte.

Will sagen, ich besitze eine leider nicht üppig gefüllte schmale Zigarrenkiste, in der sich Fotos aus meiner heftigen Sehnsuchtszeit befinden. Es sind ein halbes Dutzend Fotografien. Sie zeigen mich am Strande. Ich trug eine blaue Dreiecksbadehose, die eine Nummer zu gross geraten, meinen Hodensack nicht richtig halten konnte. Komisch gekrümmt zeigt mich die Fotografie, unnatürlich an den Strandkorb gebogen, skeptisch in die Linse blickend, die Beine zusammengedrückt. Im Strandkorb sitzt die Grossmutter in einem seltsamen Badeanzug und von einem unnachahmlichen Lächeln geschmückt.

Ich bringe mir das Schwimmen bei. Ich bin ein eifriger Taucher. Ich betätige mich als unterseeischer Seesternsucher. Ich bin Besitzer eines riesigen Schwimmreifen, den sich die Jungen bei mir ausleihen dürfen. Ich treibe am Luftring auf dem Wasser. Die Mutter muss eigens des Fotos wegen, weit zu mir ins Wasser gestiegen sein, so unmittelbar aus der Nähe zeigt mich die Ablichtung. Der Rettungsring ist mir oft entglitten. Füsse und Hände liessen die Wasser schäumen. Leider war da die Kamera der Mutter nie anwesend. Auch nicht, als ich endlich mit der roten Dreiecksbadehose, die eng war und wie angegossen sass, vor den Mädchen schwadronierte.

In der Galerie unserer vorpubertären Ära gab es nichts Schöneres als mit der Kofferheule auf der Seebrücke sein und Eindruck bei den Mädchen schinden. Mein Radio stammte aus Russland und hiess Roterstern, Sputnik oder Swabodneu. Es war äusserst robust gebaut und schwappte, wenn genügend Saft in der Batterie loderte, aktuelle Beatmusik.
Um die Hitparadenzeit herum, hielt ich die Kofferheule zwischen Hand und Oberarm gequetscht. Die schmächtigen Brustkörbe hielten wir v-förmig. Jedenfalls bildeten wir uns ein, dass Badehose und Brustkorb ein gleichschenkliges Doppeldreieck bildeten. Wir hielten uns für Seebären. Von unseren Vs gingen starke Arme, sehnige Beine aus. Die Mädchen vollführten Bewunderungsgesten. Es kam uns jedenfalls so vor. Die Brücke wurde unsere Flirtmeile. Wir bewiesen uns im stetigen Geländererklimmen und konnten ununterbrochen von der Brüstung aus in die See springen. Ich konnte besonders lange unter Wasser bleiben.
Wir jagten uns oder wir griffen einander bei den Armen, rangelten schubsten uns im übereifrigen Wettbewerb am Brückenrand. Wir brachten uns in vermeidbare Lagen und versuchten aus den jeweiligen Situationen heraus, mit Eleganz und Anmut, den Sprung übers Geländer. Wir holten uns blaue Lippen und unterbanden aufkommendes Bibbern. Die Mädchen in der Nähe wissend, übertreiben wir, und nach einander schlugen wir uns regelmässig die Köpfe an den unter der Wasseroberfläche lauernden Steinen blutig. Den Schmerz verbeissend kletterten wir die Brücke empor. Adlerstarr und lachend hoben wir zum nächsten Tauchflug ab.

2

Wir standen wie aneinandergeschweisst und ich musste ihr auf die diesbezügliche Frage hin, sofort von allen meinen grossen Lieben erzählen. Ich stammelte:
Roswitha zum Beispiel, war das was man eine Zumutung nennt. Sie wollte ständig mein Ohrläppchen küssen und einmal mit mir splitternackt Skat dreschen. Ich war 13 Jahre, da nahm Elvira mich über Wochen gefangen, ohne dass da was passierte. Die drei Liebesbriefe habe ich ewig mit mir rumgeschleppt und bis heute nicht abgeschickt. In der Maschinenfabrik am Rande unseres Dorfes, lernte ich Barbara kennen. Sie sperrte mich zu ihren innersten Ängsten, will sagen, sie schob mich auf die Büsserbank zu ihrem Vater, der irgend etwas Schreckliches an ihr verbrochen hat, eine Angelegenheit, über die sie nie sprechen wollte.
Wir schwiegen eine Weile. Und dachten sehr, sehr nach und erst dann redete ich betont und vorallemleise weiter:
Ich zog dann in die Grossstadt und war lange auf mich selbst gestellt. Wenn mich die Lust auf Frauenfleisch zwickte, griff zur Gitarre, spielte selbsterdachte Balladen. Meine erste Grossstädtische hiess Christel. Christel wurde zur zischenden Natter, als ich ihr Traubenzucker unter die Zunge zu schieben gesuchte. Sie spuckte aus und nannte mich Trottel. Sie schlug emotionslos mit dem Kleiderbügel nach mir. Männer muss man knicken, sagte Heidemarie mit knarrender Stimme in dem Moment, da ich mich ihr erklären wollte. Sie soll sich Honig unter die rasierten Achseln geschmiert haben, verriet Viola, die mit Heidemarie Wohngemeinschaft gebildet hat.

Wars das schon? fragte Viola.
Ich nickte und Viola hielt mich eine lange Gefühlsanwallung fest.
Wir verharrten und ich glaube, wir hatten beide Tränen im Gesicht, sagten aber nichts.
Dann war das ausgestanden und wir nahmen wieder wahr, was nach dem Hafen sonst so auf der grünen Insel feilgeboten wird.

Kahle Berge, kühle Nächte, Polizisten in gelben Schutzanzügen. Wir sahen Burgen und Kanonen. Wir schmeckten Salzgehalt und standen (die Hosen hochgekrempelt), in der irischen See. Dicklicher Tang umspülte unsere Beine. Wir staunten Rundtürme und alte Schlösser an. In einer Gegend hingen quer in die Abenddämmerung gespannte Wimpel an unendlichen Leinen.

Ob ich die kurzgebratenen Würste auf dem morgendlichen Frühstücksteller nicht auch für männlichen Genitalien gehalten habe, wurde ich während der Fahrt nach Galway gefragt. Ehe ich antworten konnte, polterte die Kraftfahrzeugführerin, dass die schrumpeligen Dinger überhaupt nicht gingen, sie immer lachen müsse, wenn sie die seltsamen, kleinen Schrumpelwürste vor sich liegen sieht.

Dann liess sie die Reifen quietschen, sprang aus den Wagen, zog mich auf eine pitschnasse Koppel:
Schau dir diese herrlichen Kühe an!
Ist das nicht Schönheit pur.

Wir kurvten die engen Strassen Connemaras ab. Die Gute entkorkte eine Pulle, nahm am Korken vorbei einen kräftigen Schluck Smithwicks. Auf einem leeren Marktplatz stellte sie mir drei pechschwarze Raben als drei waschechte irische Musikanten vor Das tolle an denen. Sie heissen allesamt Patrick.

Das Jahr zuvor hat Viola Besuch aus Cottbus bekommen. Die Nervensäge namens Elisabeth habe auf verwitterte Motoren gestanden, Irland grüne Weite vor allem als einen Abstellplatz für rostige Maschinenteile gesehen.
Die keltische Steinkreuze überall., kicherte Viola.
Hat die Tussi gar nicht gesehen. Ich erkläre der gerade, wo Joe Devane starb und was hier im Jahre 1968 abging, und die steht vor einer abgehalfterten Tanksäule wie vor dem absoluten Jesuskreuz.

In Tralee gestand mir Viola, sie wäre an meiner Seite ein anderer Mensch geworden. Zur Feier des Tages musste ich mit ihr ein Konzert besuchen. Es trat ein Flötist auf, ein alter Kerl spielte Dudelsack, zwei Mädchen strichen an ihren Geigen, eine dicke Frau schlug die Ziegenfelltrommel.

Ich fand die Musik einfach nur scheusslich.
Viola nannte sie Mekka der Lautpoesie.

Einmal musste sie für Stunden verschwinden, das heisst, Viola beliess mich in einem mit Menschen gut gefüllten Pub. Im TV ein heilloses Mannschaftsspiel. Ich kam einfach nicht hinter die Regeln. Erzielte der Spieler mit der Hand, dem Fuss oder mit dem Schläger einen Punkt? Gibt es ein Schrittzahltabu? Was sollen die hohen Stangen am Tor? Die Meute begeisterte sich, als ginge es um nationale Identität. Das Getöse konnte nicht in mein Inneres dringen, weil mein Herz für Hansa Rostock und Viola schlug. Hinterm Gebrüll nahm ich das eigentliche Irland wahr. Will sagen, ich sass da, trank Bier und studierte Gesichter. Ich fühlte mich völlig aus der Welt genommen. Dann war das Match vorbei und aus dem Radio dudelte U2, die Pogues und was Seichtes von Sinead OConnor. Die Männer am Tresen diskutierten heftig. Ich lauschte den gurgelnden Stimmen und dachte bei dem seltsamen Sprachsound;
wenn der Jim Morrison was drauf hat, kehrt er dem Paradies den Rücken und kommt auf exakt diese Insel zurückgeschwebt.

Als Viola endlich auftauchte, nahm sie mir ganz nahe gegenüber Platz. Will sagen, sie berührte fast meine Nasenspitze und fragte nach meinem Befinden. Ich weiss nicht wieso. Ich legte los, das heisst ich schrie sie an:

Wo du auch bist. In welche Landschaft du dich verkriechst. Dein Intimes will ansässig sein, wohnhaft werden. Weisst du, was ich süchte? Ich will hier und mit dir mein Leben beenden. Die irische Wiese als unser Bett. Ich will mit dir unterm irischen Himmel Liebe machen. Ich will danach den Feldfels zu unseren Tisch formen, aus all dem Geflecht und Moos einen Salat zaubern. Nichts mehr an mir wird je wieder ein deutsches Staatsorgan.

Viola kniff da bereits meine Unterarme und hatte riesige Augen. Die forderten mich, es raus zu lassen, weiter zu sprechen, zu sagen, was gesagt werden musste.
Ich halte Feigheit für das grösste nationale Verbrechen. Verstehst du, Viola. Ich will mich in fremde Worte kleiden. Meine Suche nach Harmonie ist in dieser Niederung fündig geworden.
Es vergingen unendliche Momente. Wir zahlten und fuhren dann nach Leenane, wo sie (Viola erklärte es mir so), die düstere Story von John B. Keane verfilmt haben. Es geht in dem Streifen auf Leben und Tod um ein handtuchbreites Feld, einen dunkelgrünen Streifen. Sie führt mich in einen Pub. Der Wirt spricht von Richard Harris, John Hurt, was für wunderbare Menschen sie wären.

Reich an Seele. So völlig unamerikanisiert und ohne jede Maskerade. Zwei von uns. Fast wie Iren., übersetzte Viola und die sieben Stammgäste stimmten ihr bei.

Wir haben keine Fotos von dem Treffen gemacht:
Das entweiht den grossen Moment., hat Viola bedeutet:

Wir sind dann nach Roundstone weitergefahren, haben flüchtige Blicke auf üppige Berge geworfen und ein Hochmoor aufgesucht, einen sagenhaften Ort, an dem fahlgesichtige Gespensterfrauen, in das Land nicht verliebte Irlandreisende, kaltblütig ermorden. Wir standen auf der verlassenen Strasse und kamen uns nah, will sagen, wir probierten einen Zungenkuss, der nicht gelang, weil unsere Lippen zu salzig schmeckten, wir die Küsserei abbrechen und uns, ob des Umstandes, dass wir es waren, die zu küssen sich versuchten, vor Lachen herzhaft ausschütteln mussten.

Im kleinen Zimmer der Pension am Arsch der Welt, wurde Viola die beste Frau, mit der ich bis dato zu tun gehabt habe und mit welcher ich die Reste des Lebens abreissen wollte. Wir schwiegen und ich durfte mit den Händen nach ihr greifen, und mehr als nur Andeutungen mit den Fingern tätigen. Besonders liebte sie es, von mir bei der Schultern gefasst zu werden, wenn sie auf mir hockte. Mag sein, ich habe mir das erträumt oder ich bilde es mir nur ein. Ich sehe ihren Leib rückwärts gebogen, höre sie lachen, die Haare berühren den Boden und sie schimpft:

Na los Kerl, besorgt es mir. Halt mich fester bei den Hüften!

Kann sein, wir schafften es ohne uns sexuell zu berühren. Ich meine, das alles ist über sieben Jahre her. Ja doch. Ich denke oft dran und mir wird kalt, Viola. Will sagen, mir ist bewusst, dass ich dich wie ein Feldherr geliebt hätte. Einer von der Sorte, die vor dem Totenfeld stehen und Erdbeeren speisen. Ich möchte an deinem Tischlein sitzen. Du sollst mich in deine Kämmerchen tragen, in dein seidenes Bett legen. Und schimmelgrün sollen deine Augen funkeln, bis wir beide müde sind und gemeinsam einschlafen.

Nicht weniger, nicht mehr ist uns zu wünschen. Denn wir beide standen am lockenden Brunnen, in den hinein wir nicht fielen, nicht fallen wollten, konnten, sollten. Will sagen, wir gerieten uns aus den Augen, ohne den geringsten Widerstand.

Wir sind uns abhanden gekommen, obwohl es die Post, das Telefon gibt, weil niemand von uns: Bleib bei mir! rief, und ein jeder in seine persönliche Einsamkeit zurückzog.

++in unseren jahren++geht nix mehr++ohne schamgefühlausstoss++