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Oswald Wiener uns graut vor dir. Oswald in Berlin und Potsdam zu

Oswald Wiener uns graut vor dir. Oswald in Berlin und
Potsdam zu Gast


Kunst von sc.Happy
inseriert: 08.12.09
Hits: 1772

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Oswald Wiener in Berlin
o-d-e-r
Ich war hier also war ich nicht hier

Wir sind voll, wir haben nur einhundertfünfzig Sitze, zweihundert könnten wir gebrauchen, aber leider sagt die Dame im singender Mundart vor der Österreichischen Botschaft, in die es nur an ihr und zwei Herren vorbei hineingeht. Star des Abends ist Oswald Wiener. Er macht den rundlichen, lind-grün gestrichenen Saal voll.
Im Publikum viel alt wenig jung, reife Herren neben emsig mitschreibende Studentinnen. Die schweren dunkelgrünen sind zugezogen. Übrigens wird Grün seit über einem Jahrzehnt in Betrieben nicht mehr an die Wand gepinselt, weil Grün die Arbeiter aggressiv macht.
Wiener weiss eventuell warum?
Was man zu Wiener weiss, weiss man nicht und besser vorher, sagt mein Sitznachbar. Ich überdenke rasch, was mir bekannt ist:

Österreichischer Schriftsteller, Abteilung experimentelle Prosa, Klassifizierung Wiener Gruppe, von Konrad Bayer, Friedrich Achleitner, H. C. Artmann, Gerhard Rühm geprägt. Hat Jura, Musikwissenschaft, afrikanische Sprachen, Mathematik studiert.
U-n-d:
Er war immerhin auch Jazztrompeter. Trug seine Textcollagen, Gedichte, Prosaparadestücke gern auf Wiens Strassen vor. Wurde zum Staatsfeind erklärt. War Programmierer von Olivetti. Schrieb den Roman: die verbesserung von mitteleuropa. Hauptaussage:
Jegliches Sein ist nur eine Ausgeburt der Sprache, das Ich unrettbar.
Gründete in Berlin die Kneipe Exil, zog nach Kanada, Dawson City um, beschäftigt sich seither mit der künstlichen Intelligenz. Erhielt den Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur verliehen. Brachte unter dem Pseudonym Evo Präkogler seinen zweiten Roman heraus. Titel: Trivialroman.
Nicht schon wieder...! Statuiert die virtuelle Realität der Computerprogramme als einzig verbindliche Wirklichkeit, heisst es bei Wikipedia.

Steht stark unter Einfluss des französischen Simulationphilosophens Jean Baudrillard, dessen Buch: Die fatalen Strategien.

Wiener spricht einmal im Kulturforum der Botschaft zu Berlin, organisiert vom Einsteinforum, den Tag erfreut und verwirrt er das Potsdamer Publikum. Mit viel Vorschuss und einem Gedicht ihm zu Ehren, das den Titel Dreiundzwanzigster November trägt, exakt der Tag diesen Tag, an dem der Wiener Wiener in Berlin zu Gast ist und loslegt. Ehrlich gestanden, muss man in der Materie stehen, sonst bekommt einer nix mit, ausser was ich als Fazit kundgeben will: Sie sind alle sehr hilflos, bedienen sich Konstellationen, die nicht zu beweisen sind, nur effektiv als Verfahren. Denn es gibt da keine Gegenwehr, alles läuft ohne Beweisführung ab, alles ist irgendwie vorhanden und nicht da, vorsichtig gesagt: wir können überhaupt nichts genau benennen, wahrscheinlich ist alles angeblich so wie wir es uns denken, aber wir wissen nicht das Geringste. Beschreiben hilft. Beschreiben ist besser als erklären. Ansonsten ist mir ein aufgefallen. Mag sein es rührt daher, das ich ein erklärter Gegner des Wortes eigentlich bin. Bei Wiener lässt das widerliche Wort in seinem Vortrag aufblühen.

Er sagt binnen Kurzem oft genug, erschreckend oft

e-i-g-e-n-t-l-i-c-h:

oh wie ich das Wort nicht mag,
es Wischiwischi finde!!

eigentlich fast identisch, über das eigentliche Gebiet hinaus, was ich eigentlich erst morgen vorführen kann, ist eigentlich hier, ja wo hab ichs denn jetzt, es geht eigentlich um, es kann eigentlich auch in die Hose gehen.
Und er sagt das Wort total, was ich mir seit dem Frageruf nach dem Totalen Krieg längst verboten habe.

In der anschliessenden Diskussion wird die Frage aufgeworfen, wie Sprache wirkt. Ich kann sofort Antwort geben, sagt Wiener und verweist auf: Teil Nummer zwei, Wiener in Potsdam. Kinder, das erspare ich mir aber herzlich. Begründung kommt prompt:
Ich war zwei Stunden unter Zuhörern und habe nur einen Hauch von einem Gefühl gehabt, da was zu verstehen. Ich gehe nicht nach Potsdam. Ich bin dann eben auch nur ein kleiner Bengel in Kinderschuhen stecken geblieben, wie in einer Maschine, von der Oswald Wiener sagt, dass die mein Hirn wäre.

Was haben sich Wiener, Maas, Kapielski und ich früher so wundervoll verstanden. Übrig geblieben ist davon bei Wiener nur ein kurzes Besinnen, ein kleine Armbewegung und ein Fingerzeig mit der linken Hand sowie die Aussage:

Sagen sie nichts, ihr Gesicht, ich kenne es von irgend woher, nur leider, meine Gastgeber, sehen Sie, warten auf mich. Und fort geht er mit seinem langen, langen weissen Schal, passend zu Mantel und Hut.

Man darf einfach nie vergessen, dass diese S. Wiener, die wir ertragen müssen, dass diese nervige Kochwüterin im TV und in allen Gazetten daheim, dass ausgerechnet diese Nudel im Topf Oswalds schnucklige Tochter ist.
Und:
Das kommt dann dabei heraus, wenn man immer nur oswaldet und munter in der Wildnis wienert - aber nie was richtig Blankgescheuertes a la Privates hinbekommt. Ich meine, wir müssen diese verdammten Kochsendungen allesamt ausbaden. Uns wird vom Zusehen schlecht.
Mein ganz privates Fazit zu Oswald:

Wenn Du das Gefühl hast, nichts zu kapieren, bist du bestens drauf - kapierst Du wenigstens das, was Du nicht begreifst, begreifst Du vor allem Dich zuerst - Und sei es auch nur mit einer Klappe deines Hirns, immerhin, bist du dann ein Stück weiser in der Birne.

DAS HIRN IST EINE MASCHINE - WIR SIND ALLE MASCHINISTEN