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Wenn schon fieberkrank - dann mit Manifesten. Wenn ich davon ausgehe, wie wenige Leute

Wenn schon fieberkrank - dann mit Manifesten. Wenn ich davon
ausgehe, wie wenige Leute Literaturzeitschriften lesen, kann
ich mir diesen Text wirklich sparen.


Kunst von sc.Happy
inseriert: 11.02.10
Hits: 1883

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Mein persönliches Fieber-Manifest

Wenn du etwas unterwanderst,
dann machst du es tot.

So lautet die Titelbildzeile für das neue Heft. Herausgegeben vom Subkommando für die freie Assoziation floppy myriapoda aus Berlin. Unter diesem Motto feiert die Literaturschrift ihr wichtiges erstes Jubiläum. Das dreizehnte Heft immerhin. Eben erschienen. Für drei Euro käuflich zu erwerben.
Fragen Sie ihren nächsten Tischnachbarn.
Halten Sie im Land der Dichter Ausschau.
Hören Sie sich um auf dem Dorfe bei den Denkern.

Handgeschrieben unter eine Grafik gesetzt. Eine eher sehr flüchtig ausgeführte Zeichnung. Kohle, so ist zu vermuten. Ein männlicher Kopf, will, man meinen. Eine Mischung aus Heiner Müller und Theo Lingen, so auf den ersten Blick betrachtet. Wenn man mehr wissen will und das Impressum (hier Permismus genannt) einsieht, entpuppen sich alle Zeichnungen im Heft als die Werke von einer Monique Schramm. Im Konkreten nennt sie die von ihr stammende Titel-Zeichnung Hirnfraktur. Nun ja, denkt der Enttäuschte, da wirft sich doch die Frage auf, wie sehr B-Zeichnungen den B-Trachter töten, bevor da überhaupt mit der Unterwanderung b-gonnen werden kann. Das Dreizehnte liebevoll durchgeblättert, geht mit Gedichten in die Vollen. Unterm Motto: Wer hat Angst vor dem Ver-dichteten, dem Dicht-erischen, wird vor allem die Tierwelt in den modern anmutenden Texten besungen.

In Wintereinbruch zum Beispiel sind es die Elstern, die herzlich besungen werden, weil sie um die städtische Ecke erfrieren. Mit Blick in den Himmel aber will Stan Lafleur (die Namen sind wie immer exquisit bei floppy zu nennen!) jedermann von der Tiefkuehlpizza abhalten; und also wird einfach so in Folgenschwere behauptet, das Wort Säule käme von dem Wort Sau. Im Namen der künstlerischen Freiheit des Wortes, soll es denn so sein. Ist für den, der mag, eine Aufgabe fürs Wochenende, der Sache nachzugehen. Wir begnügen uns und rufen: lass die Säule raus, mit oder ohne Blut im Schuh.
Blut ist eh aus Tomatenmark gemacht.
Einmal Elster, immer Tierhandlung.
Ins Heft hinein beheimaten sich folglich Amseln, Elstern, Krähen, Häher, Spechte, Schakale, Hyänen, Wölfe. Alles was aus Fleisch und Blut gebaut ist. Selbst die unsichtbare Scholle aus Goldsand und Treibhaar. Es geht ungewollt zoologisch zu.

Da sind die Raubtierzähne in Kinderfleisch gehauen.
Da gibt es neben den Tieren Särge, Zigarettenkippen auch Bierleichen und Kaninchen mit Nierenschwäche am Zebrastreifen. Ampelmännchen. Fischerboote. Zapfenstreich. Woraus heutzutage Gedichte bestehen? Echt. Balkonpferdchen. Hornissen. Eine Armee Kaiserpinguine. Wald. Holz. Hütte.
Die nächsten Seiten im Heft bellen Hunde wie Trauma. Und es ist Winter, Winter. Und rosa sind die Zitzen des Kampfhundes. Das Tier ist drahtlos. Niere wieder, diesmal im Teenylook. Ansonsten Blumen, Bäume, Krähen, Raben, Fische, Störche, Füchse, Rehe, Würmer.
Das Material der vorgestellten Gedichte, ein ganzer Heimatzoo in einem Heft versammelt.
Dazu etwas Land, Haus, Wall, Acker, Grab und Krieg. Gerade so viel wie sein muss für wieder nur Tiere, Tiere, Tiere und deren wesentliche Bestandteile.
Hund und Zunge.
Schwan und Schwanz.
Fisch, Ente, Kalb, Bock.
Krabbe, Maus, Krähe. Tiger, Blase, Knarre, Rasen, Wut.
Vom Schenkel der Lungenbraten. Nierenragout und Hirn in Ei. Beuschelfleisch und Zitat:
Sie kauten und kauten und kauten.

Beim Weiterlesen zum x-ten Male im Jubiläumsheft die lieben Tiere. Die graue Maus. Einer mit Fliege und Eisbein. Daumenschneider. Messerreime auf Licht, Pflicht und Schicht im Schacht.

Und auf der Rückseite dann das Gedichte von Johannes Jansen mit Namen Pantozol, das alles sagt, wenn es sagt dass:
alle wissen und alle wissen
dass ich weiss
dass alle wissen und ich weiss
dass alle wissen
dass ich weiss.
Punkt aus.

In der Prosa heisst es dann: Es gibt kein ewiges Leben, keinen Anfang, keinen Urknall, keinen Plan, kein Ideal, kein Fenster, keine Aussicht, kein Firmament, kein Oben, Unten, Nichtsein, Sein, ausser die Totalität. Halt mal. Was denn? Totalität oh, dieses böse Wort in einem Jubiläums-Heft? Buuuh und Buuhuuhuu muss man mit Florian Günther laut ausrufen und eine Diskussion endlich anzetteln. Seit Wollt-ihr-den Totalen nimmt man als deutscher Dichter doch das Wort total nicht in den Mund; und also nicht in ein solches Heft hinein. Auch wenn das nach Zensur stinkt, Kinder. Hier wendet sich einer gegen das Wort total und gegen Autoren, die es in ihren Schriften aufnehmen. Und ich beklage zum allgemeinen Zustand unserer Dichtung:

Wenn etwas gefallen ist mit der Mauer, dann die Scham und die Ehr-Furcht vor dem Wort. Keinem ist unwohl beim Wort Lager vor dem Wort Bier. Totgeglaubten Begriffe sterben nie aus, wenn wir Dichter sie nicht in uns abtöten. Auf dem brachliegende Feld wird Gedankengut gepflegt und getätschelt. Das hat einer Schriftenreihe bewusst zu bleiben. So viel Anstand am Hochdeutschstand darf doch wohl verlangt werden. Da nutzen so schmucke Wortgebilden wie Beipackzettel, Erratum, Netzkooperative nicht.
Achtet also mehr auf die verbalen Inhalte, Genossen, statt Etikettierung.
Auf zu neuen Ausgaben.
Es lebe das Heft Vierzehn.

Ich haben fertig.
Bastard Bastion.

wie gesagt: alles eine frage des widerstandswillen.