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helle höllen. teils eins vor teils zwei vor teil

helle höllen. teils eins vor teils zwei vor teil drei


Kunst von sc.Happy
inseriert: 08.04.10
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Höllenhunde Höhlenluft - eins

Nehmt mich als einen Höhlenbewohner, für einen vorgeschichtlichen Menschen, der in verschiedensten Höhlen gelebt hat. Nehmt mein Höhlenbewohnersein als paläolithische Epoche der jüngst gehabten Steinzeit, die vierzig Jahre DDR. Die Heime boten mir ihren natürlichen Schutz an. Ich war in ihnen vor Wind, Regen und Schnee sicher. Nehmt, was ich Euch berichte als sprachliche Malereien, von meinem Hirn konservierte Überlieferung. Ich hielt mich in Höhlen auf. Meine Heimaufenthalte sind als ein wesentlicher Bestandteil zu dem hin, was ich wurde, zu werten; zumindest in meinem ersten Zehnjahreszyklus. Angeeignet habe ich, was mir überverordnet, übergeholfen worden ist. Ich habe mir eine in erster Linie witterungsbeständige Lebenshaltung gefallen lassen müssen. Aufbewahrt worden bin ich in einer Art Lagerstätte, versammelt um ein Feuer in der Nähe des Höhleneingangs, das von den glühenden Gedanken der Sozialisten, Kommunisten angeheizt worden ist. In manchen Höhlen hat man Steinwände vorgefunden, die zusätzlich Schutz vor kapitalistischen Wind und zersetzender Feuchtigkeit boten. Wir waren überantwortete Kinder, waren Wild, waren frei in unserer Schonung. Unsere häufigste Wanderroute war die zur Schule hin und von dort aus ins Heim zurück. Mehr nicht. Nie weniger. Wir wurden wie Wild behandelt. Man beobachtete uns wie Wild; und liess uns im Gehege freien Lauf. Mein erster prähistorisch zu nennender Gegenstand war ein Teddybär. Zur weiteren Auswahl meiner ersten prähistorischen Gegenstände zähle ich Streichhölzer, Einweckgummi, Ostseesteine, Nadel und Faden, Würfel, Zeichenblätter, verschiedene Stifte, ein Taschenmesser, immerhin eines zum Klappen; dann ein Holzgriff mit stumpfer Klinge. Im Herbst kamen Artefakte, will sagen: von mir unbekannten, anderen Heimmenschen hergestellte Gegenstände wie ein Kastanienmännchen hinzu. Ich habe mit Stöcken, Ästen, Pfeilen und von mir geschnitzten, sehr unterschiedlichsten Gewerken (auch Spitzen) aus Stein und Knochen regen Umgang gepflegt. Ich schnitzte mir Pfeil und Bogen als brauchbare Waffen gegen einen Feind, den ich nicht überliefern kann. Aber Feindschaft musste her, sonst wäre die kämpferische Lebensphase bei mir ausgeblieben. Ich habe ferner Küchenmaterialien und Bruchstücke von Geschirr in Werkzeuge gewandelt. Ich besass also eine Menge Schaber, um damit Hölzer und Häute, Pappe und Leder zu bearbeiten. Ich habe mir einen Stichel gebastelt, ein Leistenholzmesser zum Zerlegen von Sandhügel. Im Laufe meiner Kinderheimzeit wurden diese Werkzeuge zunehmend spezialisierter. Ich formte Stricknadel zu Harpunen und setzte Besenstiele als Degengriffe ein. Ich lief mit einem Schwert herum, das von geschnitzten Mustern verziert war. Einen Hühnergott trug ich erst an einem Schnürband, dann an einem Reif, so dann auch schon für kurze Zeit an einem Lederband. Der war dann so lange wie es ging mein Glücksschmuck.
Ich trug zwischenzeitlich Anhänger aus Knochen, Ketten aus Muscheln. Ich habe in Wände meine Fingernägel gefräst. Ich habe Baumrinde gekerbt. Es wird ein paar eingravierte Wandzeichen von mir geben. Ich selber weiss von mindestens acht geometrischen Zeichen, die ich schnitt und die das weibliche Geschlecht der Menschen dargestellt haben. Sie sind und von mir an geheimen Stellen angebracht worden. Man war zu allen Zeiten prüde. Sexus ist Nexus per Plexus. Ein Ding an sich. Eine viel zu hoch angesiedelte menschliche Tätigkeit. Unsere Triebe. Unser Verständnis von Liebe. Man bleibt unfähig, solange man lebendig ist. Die Zeichen, die ich schnitt, sie werden nicht aufgefunden. Die Heime, die ich bewohnte, sind verschwunden, leergefegt, umgebaut, ausgebaut, zerschlagen, zertrümmert. Und mit ihnen, was meine Heimkindzeit war. Es liegt nicht im Interesse der Bauarbeiter, Architekten, Statiker, Zeugnisse meiner Höhlenjahre aufzufinden. Es interessiert niemanden, wo ich wuchs und wer mich leitete und lenkte und stupste und schlug und an sich drückte und mich von sich stiess. Allein mich. Und das mit wachsendem Desinteresse. Ich will gar nicht mehr wissen, wer gut, wer böse zu mir gewesen ist. Ich habe Brotteig und Tierfett mit farbigen Gemischen versetzt und symbolische Figuren geschaffen, die allesamt verdorben und vergangen sind. Das reicht mir hin. Das ist mein Lebenswerk. Vergänglich wie Kinder, die leben und wachsen und Erwachsene sind und Kinder zeugen; und eines Tages vielleicht an der Ostsee aufgespürt landen, wie ein seltenes Holz. Ich denke an Teak. Ich bewahrte mein Ich in meiner stillen Höhlenkammerherz; und nutzte es eigens für rituelle Zeremonien, von denen ich das Herbeizaubern mir genehmer Mitmenschen, Freunde erwähne. Ich liebe das Sicherinnere an Dinge, Wesen, die man nie im Leben gesehen hat, denen man nie begegnet ist. Von denen man gehört hat. Die am Leben sein sollen. Und manchmal Zeichen senden. Stille Rufe. Von Hundepfeifen ausgestossen. Eventuell. Mein erstes Diktat begann mit diesem Sachverhalt:

Höhlenbewohner finden sich auf allen Kontinenten dieses Planeten. In China findet man Hinweise auf Heime und Heiminsassen, die die Familie nicht kennen. Es bleiben von ihren Tagen keine grossen Überreste. Die von Fremden erzogenen, die gestalteten Gestalten, sie werden verwahrt und gehalten. Sie atmen Stallgeruch. Sie sind nicht von Bedeutung. Sie erlangen nicht den Status des so genannten Pekingmenschen. Wenn ich gestorben bin und man mich als Leib dann öffnet, eventuell, wird man Blütenstaub in meinem Herzen finden. Dies sei denn als Hinweis darauf zu werten, dass wir Höhlenheimbewohner Rituale sind, zumindest Blumenkinder, mit Blüten, Sträuchern und den Bäumen verwandt. Zu anderen Menschen können wir Heimer nicht Nähe pflegten. Man vergisst zu sehr, dass wer nicht liebt, nicht Liebe legen kann, kein Huhn ist, keine Wachtel. Man wird meinen Blütenstaub in weltlichen Höhlen auffinden. Ich wohne in den pflanzlichen Nahrungsresten. Ich bin eine von Hand geflochtene Sandale. Ich lebte einst in einem Weidenkörbchen. Ich bin neuntausend Jahre alt. Ich liege auf keinem Sof. Ich liege brach und vor Australien. Es gibt mich im Nahen Osten, im peruanischen Teil der Anden, in den Erzählungen der nie aufgefundenen Bücher. Es gibt mich als Relikt frühgeschichtlichen Menschentums. Und ich lebe fort, will sagen: ich lerne mit der Zeit ohne Nahrung anzunehmen, rundum versorgt zu sein. was sonst so zu mir gesagt werden darf, fragt Blixa Bargeld. Der wird es euch allen beipflichten. Die Häuser neben meinen Heimen waren Höhlen. Man konnte, wenn man den Finger durch den Lehm bohrte, Schlachtwürste an Schlachthaken gehängt, baumeln sehen und Männer, Frauen erleben, die Berge von Bockwürsten auf Pergament häuften; dicke, blasse Kinder sah ich zur Tür herausstolpern. Die warme, duftende Bulette schoss von ihren Fettmäulern. Sie liefen und heulten und bekamen Ersatz.