© SC:HAPPY Grossansicht, Zurück zur Gesamtübersicht #artdisc.org Mediathek

GASTARTIKEL: GERD ADLOFF, Berlin, Dichter, Denker, Freund. WER ODER WAS WAR matthias BAADER-Holst

GASTARTIKEL: GERD ADLOFF, Berlin, Dichter, Denker, Freund.
WER ODER WAS WAR matthias BAADER-Holst - und was taugen
die zwei Bücher zu ihm im Hasen-Verlag zu Halle erschienen


Kunst von sc.Happy
inseriert: 11.08.10
Hits: 3091

artdisc.org Media Bild

Gerd Adloff

lass das mit dem mensch-sein lerne bäcker

Zwei Bücher erinnern an den vor 20 Jahren verstorbenen Dichter Matthias BAADER Holst

Vor wenigen Wochen hat sich der Schriftsteller Peter Wawerzinek mit dem Gewinn des Ingeborg-Bachmann-Preises nachdrücklich in Erinnerung gebracht. Dieser Tage erscheint nun das Buch, aus dem der Siegertext stammt, der Roman Rabenliebe. Aber es ist nicht das einzige Buch Wawerzineks, das er in dieser Zeit schrieb. Im Juni diesen Jahres erschien Das Desinteresse, mit dem Untertitel Festschrift für einen Freund und einem weiteren, erklärenden Untertitel Der Hallenser Dichter Matthias BAADER Holst. Wawerzinek erinnert sich und uns an den 1990 verunglückten Freund und Dichter. Er hatte BAADER Holst im Frühjahr 1988 bei einem Auftritt in einer Ostberliner Kirche erlebt, war abgestossen und fasziniert. Er fuhr nach Halle, überredete den acht Jahre jüngeren Dichter mit ihm nach Berlin zu kommen. Von dort aus reisten sie als eine Art lyrisches Eingreifkommando, vor allen an Wochenenden, durch die DDR, in deren letzten beiden Jahren. Traten auf privaten Feiern, Punkkonzerten, auf einer Jazzmatinee, in Kirchen und auf Ausreisefeiern auf. In ihren Texten schonungslos, in ihrer Darbietung wild, ekstatisch und witzig. Einige der raren Fotos von gemeinsamen Auftritten vermitteln eine Ahnung davon. Zwei, die sich gefunden hatten, die sich ergänzten und aneinander rieben. Zwei, die sich akzeptierten und stützten und wohl auch voran trieben. BAADER Holst, der für sich selbst wohl nur die Rolle des Aussenseiters denken konnte, Wawerzinek durch Nichtanerkennung in diese Rolle gedrängt, beide zusammen von einem Grossteil der Prenzlauer-Berg-Szene damals überheblich belächelt, zogen sie ihre Sache radikal durch.

Die Reiseberichte ihrer gemeinsamen Touren erinnern mitunter an On-the-road-Stories von Musikern. Mitunter fragt man sich da schon, ob das nicht oft ein Unter- wegssein um des Unterwegsseins willens war, Reisen statt Ausreise. Dabei beschreibt Wawerzinek die damalige Wirklichkeit für mich so zutreffend, wie für DDR-Nostalgiker wohl unerträglich. Wie trostlos die Orte gewesen sind. Dass wir nicht erstickt sind, ein Wunder. Dass wir nicht vor Langeweile gestorben sind, ein Glück Beeindruckende Fotos von Andre Gessner aus dem Halle jener Jahre ergänzen das.

Wawerzinek zeichnet ein Bild von BAADER Holst, sein Bild. Andere mögen andere, ihre haben. Aber nicht sehr viele waren so nah an ihm dran.

Dem Buch, wohl während und neben der Arbeit an Rabenliebe geschrieben, sieht man manchmal die Eile, ein gewisses Gehetztsein an. Aber letztlich passt dieser Erzählton genau zum Gegenstand.

Mir scheint, Wawerzinek wollte seinen Keller räumen, in dem aber nicht nur die Kisten mit seinen Kindheitserinnerungen waren. Er hat sich auch den Erinnerungen an BAADER Holst gestellt, hat über das Scheitern seiner Ehe in dieser Zeit manischer Reisetätigkeit nachgedacht, über den Tod des Freundes und gemeinsamen Verlegers Erich Maasi. Den Schorf als trügerisch erkannt, den eigenen Schmerz zugelassen. Dabei gelingen ihm immer wieder Zeilen, Sätze und Absätze, aus denen andere ganze Bücher gewalzt hätten.

Das Buch ist eine schonungslose Liebeserklärung an den toten Freund, ein Abschied, der kein endgültiger ist, sondern ein Neuanfang sein kann.

Dass gerade in diesem Jahr an Matthias BAADER Holst erinnert wird, hat, wie so oft, kalendarische Gründe. 1990 geriet er, unter ungeklärten Umständen, in der Berliner Oranienburger Strasse, nahe des Tacheles unter eine Strassenbahn und verstarb eine Woche später, in der Nacht der Währungsunion, in der Charit. Der 20.Todestag war Anlass für eine Ausstellung im Stadtmuseum in Halle, eine Ausstellung, die danach in Zürich und Jena zu sehen sein wird.

So verdienstvoll diese Ausstellung ist, noch wichtiger ist natürlich, dass die Texte von BAADER Holst in der Öffentlichkeit sind. Nun waren zu Beginn der 90er Jahre drei Textsammlungen erschienen, deren Erscheinen der Autor nicht mehr erlebt hat. Sie sind längst vergriffen und höchstens noch antiquarisch zu bekommen. So ist es überaus verdienstvoll, dass der Herausgeber Tom Riebe und der Hasenverlag Halle/Saale das Werk von BAADER Holst wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben. Das umfangreiche (274 Seiten) und schön gestaltete Buch hinter mauern lauern wir auf uns umfasst die drei Textsammlungen zwischen bunt und bestialisch: all die toten albanier meines surfbretts; traurig wie hans moser im sperma weinholds und koitusbonzen rotzen. Dazu kommen verstreute Texte aus den inoffiziellen und offiziellen Publikationen bis 1990. Ergänzt wird das durch Zeichnungen des Autors. Gerade bei einem Dichter wie BAADER Holst, dessen Erscheinung und Vortrag wichtig, dessen Auftritte ein Ereignis waren, ist es wichtig, auch einen Eindruck von der Person zu bekommen. Die dem Buch beigefügte DVD mit einem Auftritt Baader in Leipzig (1989), sowie dem von Erich Maas 1990 mit BAADER Holst gedrehten Film Brief an die Jugend des Jahres 2017 (so im Original) ermöglichen dem Leser das.

Der Herausgeber Tom Riebe hat den Texten einen ausführlichen Editionsbericht und eine gründliche und aufschlussreiche biografische Zeittafel hinzugefügt, so dass er auf ein Nachwort verzichten konnte.

BAADER Holst war ein eigenwilliger, eigenartiger, aber nie artiger Mensch und Dichter. Einer, der seinen Weg kompromisslos ging. Er war als Autor originär. Ein Autor der, wie andere grosse Autoren auch, das Schreiben als Notwehr und Überlebensstrategie betrieb. Ein Dichter, den es (wieder) zu entdecken gilt.

wir soffen rauchten und waren unglücklich / unsre kinder zeugten wir stets im stehn / immer zwischen 7 und 10 / so vergingen unsre tage / wer an etwas glaubte wurde erschossen

Peter Wawerzinek: Das Desinteresse. Festschrift für einen Freund. Der Hallenser Dichter Matthias BAADER Holst. Halle/Saale: Hasenverlag 2010. 12,80 . ISBN 978-3-939468-53-0

Matthias BAADER Holst: hinter mauern lauern wir auf uns. Drei Textsammlungen und verstreute Texte aus den inoffiziellen und offiziellen Publikationen bis 1990. Neu herausgegeben von Tom Riebe. Halle/Saale: Hasenverlag 2010. 19,80 . ISBN 978-3-939468-51-6.

LERNT LESEN - BILDET MEHR BAADER IN EUCH AUS