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ER SPIELTE NUR EIN QUETSCHHARMONIKUM - ABER WIE ER DAZU SANG. Bruno S. ist nicht wirklich tot -

ER SPIELTE NUR EIN QUETSCHHARMONIKUM - ABER WIE ER DAZU
SANG. Bruno S. ist nicht wirklich tot - nicht wirklich noch
unter uns


Kunst von sc.Happy
inseriert: 03.09.10
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BRUNO S:

Geboren am 02.06.1932 in Berlin-Friedrichshain, gestorben am 11.08.2010 in Berlin-Tiergarten; drittes Kind aus einer unehelichen Beziehung; seine Mutter gab ihn etwa 1937 ins Heim; ab 1941 im Haus Wiesengrund der Wittenauer Heilstätten untergebracht; mehrfach ausgerissen und wieder aufgegriffen; Opfer medizinischer Versuche; nach dem Krieg u. a. Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt, dort erlernt Bruno das Akkordeonspielen; obdachlos, dann tätig als Lagerarbeiter, Gabelstaplerfahrer, Bauarbeiter; in seiner Freizeit als Musiker in den Hinterhöfen der Altstadtquartiere unterwegs; 1968 Entdeckung durch Lutz Eisholz Der schwarze Bruno; 1974 erste Hauptrolle in dem Film Jeder für sich und Gott gegen alle Kaspar Hauser letzter Film 2008 Phantomanie von Miron Zownir; seit 2008 Anerkennung nach dem Gesetz für politisch und rassisch Verfolgte als Reichsausschusskind

Der wohl nachrufwürdigste Film zu und über Bruno S. trägt den Titel: Die Fremde ist der Tod. In ihm finden sich so herrliche Selbstaussagen von Bruno S., die allesamt scheinbar so leicht dahergesagt über seine Lippen kommen, und geradezu nachhaltig werden, je mehr man sich auf sie einlässt. Jeder Tag in meinem Alter, sagt Bruno S., ist eine Scheibe Gnadenbrot oder die Henkersmahlzeit genannt. Und er sagt: Menschlichkeit ist eine Verkleidung der Reichen, damit sie in der Menschenmenge besser untertauchen können. Und: Es gibt Schweine die ihren Kindern Schusswaffen in die Hand drücken und sagen: schiesse auf deinen Nachbarn! Und: Kein Wunder, dass so manch einer wütend wird, dem man die Kindheit geraubt hat.

Wenn Bruno von sich in der dritten Person sprach, verrät Miron Zownir, der Filmemacher zum oben genannten Film, hat er sowohl einen Abstand zu sich selbst geschaffen, als auch eine Annäherung an die herzustellen versucht, die er für sein Schicksal verantwortlich glaubte. Seine Mutter, Leute die ihn als Penner betrachteten, alle realen und imaginären Feinde, vor denen Bruno sein ganzes Leben lang auf der Hut war. Er war unheimlich misstrauisch. Er hatte gleichzeitig das Bedürfnis, all die Dinge, die ihm wichtig waren, anderen mitzuteilen. Durchzugeben, wie Bruno es nannte.

Man kennt Bruno S. als Balladensänger. Das Musikinstrument in seinen starken Armen, den Blasebalg quetschend, erzählte er und sag und unterbrach sich um zu erklären, was in diesem jenem Stück Kulturgut über den Liedtext hinaus an Wahrheit versprüht wird. Neben sich hat er eine Riesenstaffelei aufgebaut. Auf ihr befindlich die mächtigen Papierbögen, festgetuckert, die er mit dem Zeigestock und viel ehrliche Mimik seinem Publikum vorstellt. Nein zelebrierte! Herrje, warum holen sie nicht alle ihre Stifte hervor und kritzeln das Gesagte mit, meinte man an seinem Gesicht, an seiner ganzen Körperhaltung abzulesen, wo es nur ums arme Mariechen geht, deren Jungfernschaft, die in Gefahr gerät.

Bruno S. ist zu Lebzeiten ein Multitalent und bleibt über seinen Tod hinaus ein Philosoph. Das ist ganz sicher. Ein bleibt der Musikant, der er war durch und durch. Er bleibt ein Schauspieler vom Feinsten. Und das mit dem ihm gebührenden Abstand. Ein Weltenbürger in seiner Welt war, die Grösse gewann allein durch ihn. Und in dieser Welt, seinem Wohnbereich, seinem Unterschlupf, seiner Mutterhöhle bewegte er sich rastlos. Freunde wissen ihn nimmer sitzend, höchstens liegend, wenn der Schlaf ihn übermannte. Alle Dinge, die sonst zu verrichten waren, ging Bruno stehend an. Zum Essen ja, mal für einige Momente an einem Tischchen sitzen, kauen, schlucken, um sich dann recht flink wieder aufzurichten, so viel Zeit und Musse nahm er sich. Ansonsten bleibt er uns als der Mensch überliefert und staunend erhalten, der zu sich steht, der die anstehenden Dinge durchsteht, der umher geht, von sich weg auf sich zu geht, wie ein Panther um sich herum geht, wenn er scheinbar nur im Raum steht.

Wer Bruno S. besucht hat, wen er an sich heran liess, in seinem Herrenhaus empfing, wird ihn in so vielen unterschiedlichen Gangarten beschreiben können. Gänge, Schritte, Wanderungen, Wege, Märsche, Tänze geradezu und tägliche Routen, die für sich genommen und szenisch festgehalten ein langlebiges Ereignis sind, hintereinander abgespult ein Lebens-, ein Leidensballett. Die exakte Wiedergabe dessen, was allgemein als der menschliche Weg durchs Leben genannt wird. Und ausgerechnet dieser umtriebige Läufer auf dem Schachbrett, diese kraftvolle Figur, die den Run seiner Möglichkeiten absolviert und als Motor nie zu Ruhe kommen will, muss plötzlich Einhalt gebieten, sich setzen. Weil ihm in diesem letzten Moment dann doch einmal kurz etwas anders wurde, ihm so komisch war, seltsam anmutete, ihn nach der Lehne des Sessels greifen liess, in dem er nie gesessen hat.

Dergestalt sitzend, das Kinn auf die Brust gelegt, wie als würde Bruno S. nachsinnen, was für eine höhere Kraft wohl hinter diesem Akt der Schwäche steckt, wurde er aufgefunden. Ein weiser Mann. Ein König auf seinem Thron. So und niemals anders erschien der Tote. Und fand sitzend endlich zu jener ungewohnten Haltung, der Sitzhaltung, die seinen Sessel bewegen, ihn anheben und abheben lassen wird. Wie auf Brunochens Mondfahrt. Und die ihn kennen, wissen, dass diese grosse Reise ewig währt. Und selbst denjenigen, welche von Bruno S. nie was gehört oder vernommen haben, ist just als hörte sie von droben über sich, diesen wundersam klaren Gesang, darüber, wie es zugeht im Leben und über das elendige Leben weit hinaus.

Text: Peter Wawerzinek
Foto: pe wa

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